News-Archiv August 2011

Anzeige:

Neuer Rostocker Höhenforschungsraketensensor soll bessere Daten liefern: 120 km in die Atmosphäre geschossen

Region Bad Doberan | 01.08.2011 - 11:05:35

Bad Doberan. Wirtschaftsminister Jürgen Seidel hat am Montag das Leibniz-Institut für Atmosphärenphysik e.V. in Kühlungsborn besucht, um sich vor Ort ein Bild über das neueste Verbundforschungsvorhaben des Landes zu machen. Entwicklungsingenieure der argus electronic gmbh in Rostock stehen in enger Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern des Leibniz-Instituts für Atmosphärenphysik e.V. Kühlungsborn sowie der Rostocker Universität vor dem weltweiten Durchbruch bei der Neuentwicklung eines praktikablen Höhenforschungsraketensensors zur hochaufgelösten Messung so elementarer Größen wie Dichten, Temperaturen und Winde.
Mit dreifacher Schallgeschwindigkeit schnellt die Messkugel von der europäischen Raketenstation Andøya Rocket Range in Norwegen in die Höhe. In nur zwei Minuten erreicht sie ihre gewünschte Höhe von bis zu 120 km in der mittleren Atmosphäre und verschwindet im Atlantik. Für die Wissenschaft zwei wertvolle Minuten, in denen der in der Spezialkugel enthaltene Höhenforschungsraketensensor wertvolle Daten aus Regionen liefert, die noch lange nicht vollständig erforscht sind.
 
"Die Kooperation der drei Partner ist ein gutes Beispiel exzellenter Verbundforschung auf internationalem Spitzenniveau", sagte  Seidel. "Wer gemeinsam mit der Wirtschaft im Land in der ersten Liga forscht, macht Mecklenburg-Vorpommern attraktiv für junge Wissenschaftler und Fachkräfte."
 
Die Verbundpartner erhalten vom Wirtschaftsministerium aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und des Europäischen Sozialfonds (ESF) einen Förderzuschuss in Höhe von 1,1 Millionen Euro. Das Gesamtprojektvolumen mit einer Laufzeit von drei Jahren beläuft sich auf 1,4 Millionen Euro.
 
Vordringen in noch nicht vollständig erforschte Höhen
 
Das Verbundvorhaben "Hochaufgelöste Dichte-, Temperatur- und Windmessungen in der mittleren Atmosphäre" beinhaltet die Entwicklung einer Technologie zur genauen Bestimmung physikalischer Parameter wie Dichte, Temperatur und Winde in der mittleren Atmosphäre, der MuT-Region. Das ist die in der Wissenschaft so bezeichnete Mesosphäre und untere Thermosphäre (MuT) in einem Höhenbereich von 50 km bis 120 km. Als grundlegende Technologie soll dabei das Prinzip der aktiven fallenden Kugel mit einem neu entwickelten Höhenforschungsraketensensor Anwendung finden. Mit Hilfe des zu entwickelnden Systems sollen kostengünstigere und genauere Messungen in der Atmosphäre realisiert werden, die auch Rückschlüsse auf die Ursachen von Klimaveränderungen ermöglichen.
 
"Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass sich das Klima und die chemische Zusammensetzung der Erdatmosphäre in den letzten Jahrzehnten unter anderem durch menschliches Handeln signifikant verändert haben. Dabei wird der MuT-Region nach dem heutigen Stand der Wissenschaft eine zentrale Rolle bei der Klimabildung zugeschrieben. Der Zustand der Atmosphäre ist jedoch durch die Wechselwirkung komplexer dynamischer und chemischer Prozesse sowie durch diverse Kopplungs- und Austauschprozesse zwischen den einzelnen Schichten geprägt, die bis heute nicht vollständig analysiert sind", erläuterte Professor Markus Rapp, Abteilungsleiter Radar-Sondierungen und Höhenforschungsraketen am Leibnitz-Institut für Atmosphärenphysik e.V. Kühlungsborn.
 
Bislang ist es nicht gelungen, ein solides Messsystem zu ent-wickeln, dass kostengünstig und zielgenau in der Grundlagenforschung der Atmosphärenphysik eingesetzt werden kann. Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass die bisherigen Messmethoden einerseits extrem kostenintensiv sind und andererseits nur über eine ungenügende räumliche Auflösung und Messgenauigkeit verfügen.
 
Weltweit großes Interesse an Rostocker Höhendaten
 
"Die Rostocker argus electronic GmbH arbeitet an der Entwicklung einer innovativen Sensor- und Messeinheit, mit deren Hilfe über Druckmessungen oder Messungen der Neutralgasdichte ein Temperaturprofil in der Atmosphäre erstellt werden kann", informierte Geschäftsführer Rolf Pohlmann. "Zusätzlich soll das System eine ortsgenaue Bestimmung von horizontalen Winden liefern und an die Bodenstation senden." Das Unternehmen ist im Verbund dafür verantwortlich, auf der Basis der durch die Forschungseinrichtungen ermittelten Anforderungen die technischen Lösungen für die fliegende Messkugel zu realisieren.
 
Das Leibniz-Institut für Atmosphärenphysik an der Universität Rostock wird innerhalb des Vorhabens die Systemanforderungen an die zu entwickelnde Sensoreinheit über rechnerische Simula-tionen des Fluges ermitteln. Darauf aufbauend werden Musterbauteile für verschiedene Sensoren entworfen. Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt ist die Durchführung der Testflüge und die Datenauswertung der Messergebnisse. "Wir werden rund 40 Raketenstarts von der  Andøya Rocket Range in Norwegen durchführen, um das System Schritt für Schritt zu verbessern", kündigte Prof. Markus Rapp an.
 
Experten der Universität Rostock am Institut für allgemeine Elektrotechnik werden die Projektpartner unterstützen, indem sie eine praktikable Beschleunigungssensorik installieren und die notwendige Stabilisierung der fallenden Kugel absichern. Mit der Integration von so genannten Gyroskopen, eine Art Stabilisierungsschwungrad oder auch Kreisinstrument, soll die Eigenrotation und Vibration der Kugel bei ihrem Höhenflug mit anschließendem Fall optimal ausgesteuert werden.
 
Eine aktive fallende Kugel, die selbst Messdaten zur Erde sendet, konnte aus technischen und kostenseitigen Gründen bisher nicht wirtschaftlich umgesetzt werden. Mit dem zu entwickelnden Messsystem wird es erstmals möglich sein, hochgenaue und räumlich hochaufgelöste Messungen von Dichten, Temperaturen und Winden in der mittleren Atmosphäre zu erzielen. Weltweit besteht demensprechend ein enormes Interesse an dem Rostocker Höhenforschungsraketensensor und seinen Messdaten, die auch für die Klimaforschung von enormer Bedeutung sind.
 
Riesenschub für Verbundforschung im Land
 
Durch das Verbundforschungsprojekt entstehen im Hochtechnologiebereich zehn neue Arbeitsplätze. "Moderne Innovations- und Technologiepolitik bedeutet, Rahmenbedingungen für zukunftsorientierte und attraktive Arbeitsplätze auf dem ersten Arbeitsmarkt für die Menschen in unserem Land zu schaffen", erklärte Wirtschaftsminister Seidel. "Die 2007 vorgenommene Neuausrichtung der Technologie- und wirtschaftsnahen Forschungsförderung hat einen enormen Schub im Land ausgelöst. Noch nie wurde in Mecklenburg-Vorpommern so aktiv gemeinsam an neuen Produkten und Leistungen geforscht. Der Grundansatz, dass sich Wirtschaft und Forschung im Land vernetzen, dass Know-how vor Ort gesichert wird und neue wissensbasierte Arbeitsplätze entstehen, funktioniert."
 
In der Förderperiode von 2007 bis 2013 stehen insgesamt 155 Millionen Euro zur Förderung von Forschung und Entwicklung zur Verfügung. Seit Beginn der Förderperiode im Jahre 2007 wurden von den 155 Millionen Euro bereits Mittel in Höhe von insgesamt 105,6 Millionen Euro bewilligt. Mit diesen Geldern wurden bisher insgesamt 582 Projekte im Rahmen von Forschung und Entwicklung sowie technologieorientierte Netzwerke bezuschusst. Darunter 233 Projekte der Verbundforschung.
 


Anzeige: